Lesung: Vorrede der Prolegomena von Immanuel Kant

 

Die Transformation von Wie-Fragen (die aber überhaupt nur auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung gestellt werden können) in Was-Fragen ist der wichtigste Mechanismus der Entparadoxierung des Beobachtens. Zugleich ist dies ein Vorgang, der die Paradoxie invisibilisiert – oder so jedenfalls wird es dem Beobachter zweiter Ordnung erscheinen. Der Was-Beobachter, der Beobachter erster Ordnung, hat dieses Problem gar nicht, sondern sieht von vornherein nur, was er sieht (und nicht: wie er sieht). Jetzt können wir auch, im historischen Rückblick, feststellen, daß das Was-Beobachten, das Stellen und Beantworten von Was ist…- Fragen und damit die gesamte vorkantische Epistemologie sich immer schon auf eine Weise der Entparadoxierung der Welt eingelassen hatte und deshalb auch mit der Logik keine (oder nur technische) Probleme hatte. Die kantische Revolution, am besten vielleicht greifbar in der Vorrede zu den Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, besteht in der Umstellung von Was-Fragen auf Wie-Fragen, und dies unabhängig davon, ob man die Art akzeptiert, in der Kant selbst sich dann den Problemen der Selbstreferenz und der Paradoxie durch die Unterscheidung von empirisch und transzentenal entzieht.

aus: Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 98, f.

Zu verschenken: Der Unbesiegbare von Stanislaw Lem #bzv

Der Unbesiegbare ist ein Science Fiction Roman in dem sich ein militärisch geführtes Raumschiff mit reichlich Wissenschaftspersonal auf die Mission begibt, das verschollene Raumschiff Kondor zu finden.

Zu diesem Zweck wird der Planet aufgesucht, der als letzter Aufenthaltsort des Kondors bekannt ist. Auf dem Planeten angekommen versuchen die Wissenschaftler zunächst die Bedingungen für Leben auf dem Planeten in Erfahrung zu bringen. Es wird festgestellt, dass Leben lediglich unter Wasser und nicht auf dem Festland ausgemacht werden kann. Eine weitere Irritation ergibt sich daraus, dass die Meeresbewohner mit einem Organ ausgestattet sind, welches zur Wahrnehmung elektromagnetischer Wellen geeignet zu sein scheint. Es werden keine bekannten Erklärungen gefunden und Mutmaßungen über den Ursprung der vorgefundenen Merkwürdigkeiten verbittet sich den Wissenschaftlern. Aufgrund mangelnder Alternativvorschläge wird daher beschlossen, den Umfang der Beobachtungen zu erweitern und gewissenhaft aufzuzeichnen. Daran ändert sich zunächst auch nichts, als die Kondor samt ihrer toten Besatzung auf dem Planeten gefunden wird und keine hinreichend begründeten Schlussfolgerungen aus ihrem Verwesungszustand gezogen werden können.

Eine Erklärung in Form einer unbewiesenen Vermutung wird erst entwickelt, als zahlreiche Besatzungsmitglieder des Unbesiegbaren zu Schaden kommen und erschreckende Vorkommnisse demonstrieren, dass eine Macht im Spiel ist, die die Möglichkeiten und das Verständnis des Wissenschaftspersonals und ihrer Instrumente übersteigt. Die entwickelte Handlungsempfehlung, auf die die Erklärung hinausläuft lautet, den Planeten umgehend zu verlassen.
Nachdem der Auftrag des Unbesiegbaren jedoch lautet, Gewißheit über den Verbleib des Kondor zu erlangen kommt diese Möglichkeit nicht in Betracht. Stattdessen wird versucht weitere Ressourcen für die Bekämpfung der fremden Macht zu aquirieren, was zunächst physische Gewalt meint. Nach dem Scheitern des Einsatzes dieser Ressource kommt man auf die Idee, wenigstens einen langfristigen Erfolg durch Manipulation der gegnerischen Macht zu erwirken.

Hat ja alles keinen Sinn, dachte er. Sie wollen vernichten, wir auch, wir alle wollen jenes Etwas vernichten, aber damit retten wir niemanden. Die Regis ist unbewohnt, der Mensch hat auf ihr nichts zu suchen. Wozu also diese halsstarrige Verbissenheit? Es ist doch nicht anders, als wären die Männer bei einem Gewitter oder einem Erdbeben ums Leben gekommen. Niemandes bewußte Absicht, kein feindlich gesinnter Wille ist uns entgegengetreten. Ein lebloser Selbstorganisationsprozeß… Lohnt es denn, die ganze Kraft und Energie daran zu verschwenden, ihn zu zerstören, und nur, weil wir ihn von vornherein für einen lauernden Feind gehalten haben, der erst den >>Kondor<< und dann uns aus dem Hinterhalt angefallen hat? Wie viele unheimliche, menschliche Begriffen fremde Erscheinungen mag der Kosmos in sich bergen? Sollen wir überall mit unseren Raumschiffen landen, Vernichtungswaffen an Bord, um all das, was unser Fassungsvermögen übersteigt, zu zerschlagen? Wie haben sie es kurzerhand genannt? Nekrosphäre. Folglich auch Nekroevolution. Enwicklung toter Materie.

Die Pläne zur Bekämpfung der fremden Macht werden aufgegeben, weil keine Möglichkeit gefunden wird, die nicht die eigene Existenz aufs Spiel setzt. Stattdessen bleibt als letzte Notwendigkeit einige verschollene Besatzungsmitglieder zu finden, notfalls auch ihre Verstorbenen überreste. Eine solche Suchaktion ist geboten, weil der Unbesiegbare auf langfristige Selbsterhaltung im Weltraum angewiesen ist und das Zurücklassen von Crewmitgliedern eine solche unmöglich machen würde.

Bayard, Bücher und Ontologie

Auf meiner Liste zu verschenkender Bücher befindet sich ab sofort auch das Buch: „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ von Pierre Bayard.

In dem Buch wird darüber aufgeklärt, dass das Sprechen von Büchern an sich immer ein Sprechen über Bücher für sich sei. Der Autor ist Literaturprofessor und unterscheidet zwischen Sein und Nichtsein.

 

Über Vernichten von Wahrheit durch Wissenschaft und Entnaivisierung von Realität durch Verzicht auf Organisationszwang.
Über Vernichten von Wahrheit durch Wissenschaft und Entnaivisierung von Realität durch Verzicht auf Organisationszwang.
Über das Überschreiten der unüberbrückbaren Grenze zwischen zwei Tagen.
Über das Überschreiten der unüberbrückbaren Grenze zwischen zwei Tagen.

Nicht zu verschenkende Bücher

Es bleibt in unserer Kultur nicht aus, früher oder später das ein oder andere Buch gelesen zu haben und im Laufe eines Lebens immer wieder Bücher zu erhalten oder diese wegzugeben. In größeren Städten Deutschlands gibt es sogar als Bücherschränke umfunktionierte Telefonzellen und auch in vielen Cafés und Bars liegen Bücher aus, die man einfach mitnehmen darf.

Geschenke als Kommunikation begriffen sind insofern interessant, als dass die Ablehnung einer solchen Kommunikation rechtfertigungsbedürftig ist. Das ist nicht per se der Fall, aber es gilt doch eher als Affront ein Geschenk abzulehnen, weshalb man eine gewisse Konditionierung zur Annahme eines Geschenkes beobachten können dürfte.

Vor diesem Hintergrund ist es dann auch ganz interessant völlig Unbekannten Geschenke zu machen und zu beobachten, welche Verstrickungen sich aus solchen Formen der Kommunikation ergeben. Zwar mag man Büchern keinen besonders großen Wert beimessen, aber die Nuancen sozialer Rechtfertigungszwänge und Verbindlichkeiten sind eben auch im Kleinen zu beobachten.

Jedenfalls möchte ich an diesen Experimenten gerne ebenfalls teilnehmen und das Ganze auch etwas verbindlicher mir selbst gegenüber gestalten. Zu diesem Zweck bin ich einige meiner Bücher durchgegangen, um zu sehen, welche ich bereit bin wegzugeben. Welche das sind, findet sich auf der entsprechenden Seite hier im Blog, auf der alle zu verschenkenden Bücher aufgelistet sind. Interessant ist aber auch, welche Bücher ich vorläufig nicht verschenken werde. Über diese Frage bin ich zu einer Systematisierung meiner nicht zu verschenkenden Bücher gekommen:

  • Bücher, die ich zwar bereits gelesen habe, bei deren Lektüre ich mir jedoch keine systematischen Notizen (Zettel für meinen Zettelkasten) gemacht habe. Es handelt sich speziell um Bücher, von denen ich mich erinnern zu meinen glaube, sie für interessant gehalten zu haben, weshalb ich mir die Möglichkeit vorbehalten möchte, sie ein weiteres mal zu lesen, um aus dem Inhalt Exzerpte in Form von Zetteln zu extrapolieren.
  • Nachschlagewerke/Lexika, also Bücher, die nicht zum Durchlesen gedacht sind.
  • Persönliche Klassiker: Bücher wie Momo von Michael Ende oder Tage in Burma von George Orwell. Es handelt sich um Bücher, die ich bereits mehr als einmal gelesen habe, die eine besondere Bedeutung für mich haben und die ich auch ein weiteres mal lesen würde.
  • Peinliche Bücher: Es gibt in meinem Bücherregal das ein oder andere Buch, das besonders einfach wirkt. Vielleicht befinde ich mich zu sehr im Modus eines Emporblickens zu der Fiktion einer nicht existenten Hochkultur, aber es gibt tatsächlich Bücher, mit denen ich mich nicht identifizieren lassen möchte, obwohl sie genauso in meinem Bücherregal stehen, wie die anderen.
  • Bücher, die ich noch nicht gelesen habe: Es gibt unter den Büchern die ich noch nicht gelesen habe einige, von denen ich annehmen kann, dass ich sie wohl auch in Zukunft voraussichtlich nicht lesen werden. Bei den meisten jedoch bin ich schlichtweg noch nicht dazu gekommen. Die Unterscheidung der Bücher, die ich noch nicht gelesen habe zwischen denen, die ich nicht lesen werde und denen, die ich noch lesen werde, verschiebe ich in die Zukunft.