Lesung: Vorrede der Prolegomena von Immanuel Kant

 

Die Transformation von Wie-Fragen (die aber überhaupt nur auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung gestellt werden können) in Was-Fragen ist der wichtigste Mechanismus der Entparadoxierung des Beobachtens. Zugleich ist dies ein Vorgang, der die Paradoxie invisibilisiert – oder so jedenfalls wird es dem Beobachter zweiter Ordnung erscheinen. Der Was-Beobachter, der Beobachter erster Ordnung, hat dieses Problem gar nicht, sondern sieht von vornherein nur, was er sieht (und nicht: wie er sieht). Jetzt können wir auch, im historischen Rückblick, feststellen, daß das Was-Beobachten, das Stellen und Beantworten von Was ist…- Fragen und damit die gesamte vorkantische Epistemologie sich immer schon auf eine Weise der Entparadoxierung der Welt eingelassen hatte und deshalb auch mit der Logik keine (oder nur technische) Probleme hatte. Die kantische Revolution, am besten vielleicht greifbar in der Vorrede zu den Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, besteht in der Umstellung von Was-Fragen auf Wie-Fragen, und dies unabhängig davon, ob man die Art akzeptiert, in der Kant selbst sich dann den Problemen der Selbstreferenz und der Paradoxie durch die Unterscheidung von empirisch und transzentenal entzieht.

aus: Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 98, f.

1 Kommentar

  1. Da ich mich viel zu schlecht mit Luhmann auskenne und also weder überblicke, welche theoretischen Konsequenzen aus den Vorgängen der Paradoxierung und Entparadoxierung folgen, noch was sie konkret bezeichnen wollen, muss ich mich wohl oder übel auf die Wie-Fragen beschränken, wie Kant sie angeht.
    In der Kritik der reinen Vernunft, zu denen diese Prolegomena gehören, wird tatsächlich die Sphäre des Empirischen herangezogen, um die Haltbarkeit von metaphysischen Aussagen zu überprüfen. Dabei ist es wichtig zumindest ein paar grob formulierte Beispiele zu kennen: „Die Welt hat einen Anfang.“ oder „Alle Dinge sind aus einfachen Teilen zusammengebaut.“ Nun kann man sagen, dass diese Fragen durch Modelle der Physik hinreichend gut aufgeklärt seien, aber diese Modelle sind ja schließlich noch keine Beweise – und schon gar keine, die eine letzte Gewißheit erlauben. Es werden ja immer noch kleinere Teile gefunden und die Frage nach einer Art Vorher des Big Bangs ist auch immer noch nicht zufriedenstellend erklärt.
    Ein wesentlicher Unterschied dieser Herangehensweisen zu denen der Metaphysik besteht aber darin, dass sie wenigstens auf empirisch nachprüfbaren Indizien beruhen. Es gibt also konkrete Ausgangslagen für die aufgestellten Modelle. Die Metaphysik kennt so etwas nicht. In ihr werden erst die Aussagen getroffen und jeder Gegenbeweis muss bekämpft werden, da selbige die perfekte Balance des Systems in Gefahr bringen.
    Auch Kant arbeitet so gesehen keinen Deut empirischer, wenn er die Haltlosigkeit der Metaphysik konstatiert. Er sucht nur die Gegebenheiten auf, die durch keine Skepsis mehr ernstlich hinterfragt werden können, ohne dass sich ein offensichtlicher Selbstwiderspruch auftut. Ein Skeptiker muss bspw. auch eingestehen, dass alle seine vorgetragenen Zweifel aus dem Akt des Zweifelns entstehen. Nur aus den Sätzen, die (scheinbar) frei von Selbstwidersprüchen sind, baut er seine Kritik zusammen. Der Leitfaden hierfür ist aber immer der Blick auf die subjektseitigen Vermögen, die das Wie des richtigen Schließens ermöglichen sollen.
    Diese kantische Revolution betrifft heutzutage alle, die in irgendeiner Art und Weise beschreibend verfahren. Ihr Erbe ist, dass es uns vermittels der Beschreibung unmöglich sei, irgendeine Form der Objektivität anzumaßen, da das Objekt ausschließlich durch subjektive Vermittlungen zugänglich ist. Aber Vorsicht! Es geht hierbei nicht um die Begriffe Subjekt und Objekt. Diese können beliebig durch Bewußtsein und Bewußtes, Dasein und Seiendes oder Beobachter und Beobachtetes ausgetauscht werden. Auch können die Ebenen der Beschreibung erweitert werden, wie Luhmann es augenscheinlich mit den verschiedenen Graden des Beobachters tut.
    Ich will diese Unterschiede nicht als unwichtig oder nutzlos abtun. Mir kommt es auf die Wahrnehmung der Gemeinsamkeit aller dieser Ansätze an, die offensichtlich darin besteht, dass man der Tendenz nicht mehr entkommen kann, so etwas wie Realität als primitive Grundannahme abzutun. Natürlich handelt man sich mit dem Realitätsbegriff Probleme ein, aber sie von vornherein entweder als Scheinproblem oder Produkt von Konstruktionen zu begreifen, deutet meines Erachtens darauf hin, dass das Problem, das die Metaphysik hatte, in keinster Weise überwunden ist. Sie ist durch ihren Überwinder vielleicht nur noch intensiviert worden.

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